Nach 36 Jahren an der Kantonsschule Wettingen wird die engagierte Gitarrenlehrerin Karin Rüdt pensioniert. Ein facettenreicher Rückblick in sechs Saiten auf eine inspirierende Musikerin und Kollegin.
Eine Stimmgabel am Griff drehen – sie tanzt über die Saiten – diese Spielanweisung findet sich in den Wolken, genauer: in «Wolke 2: Träumerei», die Karin anlässlich der Musiknacht vor zwei Jahren für ihre Gitarrenklasse komponierte. Auch ihr Atelier an der diesjährigen Musiknacht 2026 bot den Besuchenden wieder weitaus mehr als klassische Gitarrenmusik, so wanderten Lichtspots durch die Westschöpfen, und die Saitenklänge von Harfen, Gitarren und Streicher:innen führten das Publikum in einem einzigen grossen Bogen durch das Konzert.
An unserer Schule hat Karin in den 36 Jahren viel erlebt, mitgemacht und bewegt. Von ihrer Klarheit im Planen und Denken, der Konzentration auf das Wesentliche und von ihrem langjährigen Engagement in den Verbänden amv und iam sowie von ihrer Arbeit als stellvertretender Fachvorstand konnte das Kollegium der Instrumentalmusik sehr profitieren. Dabei machte sie längst nicht vor der Fachschaftsgrenze Halt, sondern engagierte sich auch stark bei der Gestaltung der Maturitätsweiterentwicklung. Vielen Kolleginnen und Kollegen in toller Erinnerung geblieben sein dürfte auch die gesamtschulische Weiterbildung, die sie einmal zusammen mit Katharina Merker organisierte, bei der der Hirnforscher Lutz Jäncke (Musik und Gehirn) einen langen spannenden Vortrag hielt.
Durch ihre Mitarbeit in der AG zur Prämierung der Maturaarbeiten las Karin unzählige Arbeiten jeglichen Fachgebiets. Sie war Begleiterin vieler Maturareisen und Klassenlager und führte zahlreiche Variowochen durch, die mitunter «Raku und der Zufall» oder «archaische Keramik-Brände» hiessen. Sie gestaltete ihre Variowochen gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Musik, Mathematik, Physik, Politik und BiG, immer geleitet von Neugier, Wissensdurst, Interesse und pädagogischen Gedanken. Dieses grosse Engagement ist für eine Musikerin, die sich neben der Schule und ihrer Familie auch ihrer eigenen Musik widmet, alles andere als selbstverständlich!
Grundsätzlich geht es Karin immer um das Wesen der Musik, für jede Aufführung hat sie eine künstlerische Vision – bei ihren eigenen Konzerten genauso wie bei den Konzerten von Schülerinnen und Schülern. Effekthascherei ist ihr fremd, ebenso oberflächliche Lösungen in instrumentaltechnischen Fragen. In ihrem Unterrichten geht Karin den Dingen auf den Grund, setzt sich mit den spieltechnischen Voraussetzungen und Schwierigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler auseinander und ermutigt sie zu individuellen und fundierten Lösungen. Es gibt kein Schema X, stattdessen lernen ihre Schüler:innen, eine persönliche Beziehung zum Instrument aufzubauen und ihren eigenen Körper beim Spielen wahrzunehmen. Sie erfahren auch, dass es essenziell für das Musizieren ist, mehr über ein Musikstück zu wissen als nur Titel und Komponist:in.
Herzensangelegenheit ist für Karin die Förderung des Klangsinns. Dies findet sich in ihrer Wertschätzung der Alten Musik und dem Bemühen, ein Bewusstsein für historische Aufführungspraxis zu vermitteln. Als Interpretin zeitgenössischer Musik zeigt sie ihren interessierten Schülerinnen und Schüler aber auch Wege zur Neuen Musik auf. Mehrmals bereicherten Gitarrenbauer, Komponisten und Musiker ihren Unterricht mit Vorträgen, Workshops und Konzerten. Vom Anlass mit dem gambischen Kora-Spieler Basuru Jobarteh liess sich auch Karin selbst sehr berühren.
Eine enge Verbindung zur Neuen Musik wurde besonders in Karins letztem Unterrichtsjahr sichtbar: So hat sie, parallel zum Unterrichten, über zehn Konzerte mit einer 40-minütigen Uraufführung gespielt, in Frankreich, Griechenland, Deutschland und der Schweiz. Dafür las sie sich in eine neue Notationsweise ein, «verstimmte» ihre Gitarre um einen Sechstelton und machte sich mit einer weiteren experimentellen Spielweise vertraut. Auch nach ihrer Pensionierung wird Musik ein grosser Teil ihres Lebens sein: Neben der Gitarre wird sie sich mit ihrem neuesten Instrument, der Viola da Gamba, beschäftigen, weiterhin viele Konzerte, Lesungen und Ausstellungen besuchen und endlich mehr Zeit und Musse zum Reisen haben.
Wir wünschen Karin für ihren neuen Lebensabschnitt alles Gute!
Text: Teresa Hackel für die Fachschaft Musik



