Campus

Veni, vidi, Latein

Text: Aoibhe (G2)
Markus Suter

Es regnet in Strömen und ich frage mich kurz, ob selbst Jupiter uns heute die Laune verderben will. Doch schon beim Betreten des alten Klosterareals spüre ich diese eigenartige Mischung aus Geschichte, feuchtem Stein und gespannter Neugier. Zwischen tropfenden Regenschirmen entdecke ich bekannte Gesichter - und sogar einige Legionäre, die in voller Montur ihr Lager aufbauen, als wären sie direkt aus dem antiken Rom marschiert. Der Gedanke, Latein sei eine tote Sprache, wirkt hier fast lächerlich.  

Unser erster Vortrag trägt den vielversprechenden Titel “Von Mythen und anderen Horrorgeschichten”. Die Referentin Anina Föhn beginnt humorvoll. Sie spricht über Horror in der Antike und die Frage, warum wir uns überhaupt gerne gruseln. Ihr Enthusiasmus steckt an - sie erklärt, wie Ekel und Faszination zusammenspielen, warum das Schreckliche oft gerade im Zusammenspiel mit dem Schönen spannend wird. Ich merke, dass sie nicht einfach Wissen vorträgt, sondern etwas lebt, das sie begeistert.

Danach gehen wir in die Cafeteria und setzen uns an einen Tisch für den Auftritt von Remo Zumstein – Slam-Poet und Wortkünstler, jemand, der selbst trockene Grammatik lebendig machen könnte. Mit geschickten Wortspielen scherzt er über die lateinische Sprache und die Götter des Olymps. Draussen tropft der Regen vom Dach, drinnen lacht man über Witze, die man nur versteht, wenn man Latein liebt. In diesem Moment merkt man: Es lebt noch immer – in uns, in diesen Sätzen, in dieser Freude. 

Nach dieser Leichtigkeit kommt der Sturz: «Zu früh verstorben, um zu wirken». Der Titel klingt poetisch, traurig und doch schön. Leider bekomme ich von diesem Vortrag jedoch nicht viel mit: Irgendwo zwischen der endlosen PowerPoint, dem Chaos auf dem Handout und der monotonen Stimme des Referenten geht meine Aufmerksamkeit verloren. Um mich herum klappt einer nach dem anderen gedanklich zusammen. Als in der letzten Reihe ein Handy laut aufschrillt, ist das der Höhepunkt der Unterhaltung. Am Ende ist die Erleichterung im Raum spürbar.

Die Mittagspause kommt wie gerufen. Der Regen hat aufgehört, die Luft riecht nach nasser Erde. Wir sitzen zu dritt im Lateinzimmer. Nach diesem Vormittag ist es hier gemütlich – wir essen, während draussen das Kloster schweigt. 

Am Nachmittag folgt der letzte Programmpunkt: «Werwölfe in der Antike». Tanja Brändle, die Referentin, hat einen ziemlich schulischen Ansatz – wir arbeiten in Gruppen, füllen Tabellen aus und vergleichen Texte –, doch sie ist verständlich, lebendig und gut strukturiert. Vielleicht fehlt mir die Leidenschaft der ersten Präsentation, aber immerhin gehe ich nicht mit dem Gefühl, völlig umsonst da gewesen zu sein. Und in Anbetracht des zweiten Vortrags ist das schon ein kleiner Sieg. 

Als ich am Abend wieder vor dem Kloster stehe, sind die Wolken aufgerissen. Die Luft ist frisch und der Boden glitzert im Licht der Laternen. Die Leute machen sich langsam auf den Heimweg, leise lachend, gestikulierend, vielleicht immer noch über Grammatik, Götter oder einfach das Leben diskutierend. 

Vielleicht ist Latein wirklich nicht tot. Vielleicht ist es nur still geworden und spricht jetzt in anderen Formen - in Gedichten, in Slam-Texten, in der Art, wie wir über Sprache nachdenken.

Ich bin an diesem Tag mit nassen Schuhen, fröstelnder Nase und übervollen Gedanken heimgegangen. Ich habe gelernt, dass nicht jeder Professor weiss, wie man Wissen lebendig macht, dass Humor manchmal die beste Übersetzung ist - und dass selbst ein grauer Tag heller wird, wenn man mit neuen Gedanken nach Hause geht.

 

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