Unser erste Vortrag trägt den vielversprechenden Titel “Von Mythen und anderen Horrorgeschichten”. Die Referentin, Anina Föhn, beginnt humorvoll. Sie spricht über Horror in der Antike und die Frage, warum wir uns überhaupt gerne gruseln. Ihr Enthusismus steckt an - sie erklärt, wie Ekel und Faszination zusammenspielen, warum das Schreckliche oft gerade durch das Schöne spannend wird. Ich merke, dass sie nicht einfach Wissen vorträgt, sondern etwas lebt, das sie begeistert.
Danach gehen wir in die Cafeteria und setzen uns an einen Tisch für den Auftritt von Remo Zumstein - Slam-Poet und Wortkünstler, jemand der selbst trockene Grammatik lebendig machen könnte. Mit geschickten Wortspielen scherzt er über die lateinische Sprache und die Götter des Olymps. Draussen tropft der Regen vom Dach, drinnen lacht man über Witze, die man nur versteht, wenn man Latein liebt, und in diesem Moment merkt man, dass es noch immer lebt - in uns, in diesen Sätzen, in dieser Freude.
Nach dieser Leichtigkeit kommt der Sturz: “Zu früh verstorben, um zu wirken”. Der Titel klingt poetisch, traurig und doch schön. Leider bekomme ich von diesem Vortrag jedoch nicht viel mit: irgendwo zwischen der endlosen PowerPoint, dem Chaos auf dem Handout und der monotonen Stimme des Referenten geht meine Aufmerksamkeit verloren. Um mich herum klappt einer nach dem anderen gedanklich zusammen. Als in der letzten Reihe ein Handy laut aufschrillt, ist das der Höhepunkt der Unterhaltung. Am Ende ist die Erleichterung im Raum spürbar.
Die Mittagspause kommt wie gerufen. Der Regen hat aufgehört, die Luft riecht nach nasser Erde. Wir sitzen zu dritt im Lateinzimmer, es ist gemütlich nach diesem Vormittag - wir essen während draussen das Kloster schweigt.
Am Nachmittag folgt der letzte Programmpunkt: “Werwölfe in der Antike”. Tanja Brändle, die Referentin, hat einen ziemlich schulischen Ansatz - wir arbeiten in Gruppen, füllen Tabellen aus und vergleichen Texte - doch sie ist verständlich, lebendig und gut strukturiert. Vielleicht fehlt mir die Leidenschaft der ersten Präsention, aber immerhin gehe ich nicht mit dem Gefühl, völlig umsonst da gewesen zu sein. Und in Anbetracht des zweiten Vortrags ist das schon ein kleiner Sieg.
Als ich am Abend wieder vor dem Kloster stehe, hat der Regen aufgehört. Die Wolken haben sich verzogen, die Luft ist frisch und der Boden glitzert im Licht der Laternen. Die Leute machen sich langsam auf den Heimweg, leise lachend, gestikulierend, vielleicht immernoch diskutierend über Grammatik, Götter oder einfach das Leben.
Vielleicht ist Latein wirklich nicht tot. Vielleicht ist es nur still geworden und spricht jetzt in anderen Formen - in Gedichten, in Slam-Texten, in der Art, wie wir über Sprache nachdenken.
Ich bin an diesem Tag mit nassen Schuhen, fröstelnder Nase und übervollen Gedanken heimgegangen. Ich habe gelernt, dass nicht jeder Professor weiss, wie man Wissen lebendig macht, dass Humor manchmal die beste Übersetzung ist - und dass selbst ein grauer Tag heller wird, wenn man mit neuen Gedanken nach Hause geht.
Wettingen, 07/11/2025, Aoibhe Keaney
