Campus

Eröffnung neuer Westflügel

Text: Dr. Markus Dieth & Paul Zübli

Ein Bauprojekt verleiht Ideen Flügel

Ende August 2025 durften wir viele Menschen zur feierlichen Eröffnung des neuen Westflügels begrüssen, darunter die Regierungsrätin Martina Bircher und den Regierungsrat Dr. Markus Dieth, Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinde und Kanton, sowie weitere Menschen, die den Bau ermöglicht und unterstützt haben.

Dank der befruchtenden und stets wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen dem Architekturbüro/Generalplanung, der Bauherrschaft, der Planungskommission, der Baukommission und allen weiteren Involvierten wurde ein wegweisender Neubau bzw. Wiederaufbau möglich, welcher sowohl der historischen Bedeutung des Ortes als auch den Ansprüchen an eine zeitgemässe Schule mehr als gerecht wurde. Stellvertretend für viele positive Rückmeldungen sei hier der Ausspruch eines Vaters eines Schülers erwähnt: «Da, an diesem schönen Ort, möchte ich am liebsten grad nochmals zur Schule gehen.»

In diesem Jahrbuch geben wir die Beiträge von Regierungsrat Dr. Markus Dieth und von unserem Rektor Paul Zübli wieder. Sie sind, zusammen mit weiteren informativen Artikeln, in der empfehlenswerten Publikation «049 WESTFLÜGEL KANTONSSCHULE WETTINGEN – Umbau und Erweiterung» im August 2025 unter der Redaktion von Frank Gysy / IMAG erschienen (Herausgeber und Bezugsquelle: Kanton Aargau, Departement Finanzen und Ressourcen). Wir danken dem Kanton für die freundliche Genehmigung für die Wiedergabe.

 

Rede Dr. Markus Dieth, Regierungsrat Kanton Aargau

Vorsteher Departement Finanzen und Ressourcen

Wie schön, dass hier in Wettingen – auf dem geschichtsträchtigen Gelände des Klosters «Stella Maris» beziehungsweise der Kantonsschule – mit dem Westflügel ein weiteres bedeutendes Bauvorhaben realisiert werden konnte. Die reibungslose Umsetzung dieses Projekts unterstreicht die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Kanton. Es zeigt auch den gemeinsamen Wunsch, dieses bedeutende Areal unter Rücksichtnahme auf die historischen Gegebenheiten weiterzuentwickeln. Nach der Mensa und der Dreifachturnhalle konnte nun auch dieses Projekt im vorgesehenen Kostenrahmen vollendet werden, wobei den besonderen gestalterischen Anforderungen Rechnung getragen werden konnte. Der vollendete Neubau integriert sich harmonisch in die bereits bestehende historische Umgebung. Gleichzeitig bietet er Schulräume, die den heutigen Ansprüchen an Nachhaltigkeit und Funktionalität gerecht werden. Erstmals seit der Gründung des Klosters vor rund 800 Jahren ist das Areal nun barrierefrei zugänglich. «Stella Maris», der Stern des Meeres, leuchtet damit für alle.

 

Hybride Holzbauweise auf historischem Grund

Mit dem Neubau wird auch die Bewirtschaftung der Räume sowie die Verteilung der Gebäudetechnik effizienter gestaltet. Das Gebäude wurde nach dem Minergie-Eco-Standard errichtet. Die Geschossdecken und das Dach sind in einer hybriden Holzbauweise gefertigt. Auch bei der Beheizung des Westflügels wurde auf Nachhaltigkeit geachtet. Eine Flusswasser-Wärmepumpe und ein Biogas-Spitzenkessel sorgen dafür, dass die Kantonsschule Wettingen nun vollständig mit erneuerbaren Energieträgern beheizt wird. Besonders bemerkenswert ist die gelungene Verbindung von Alt und Neu: Historisch wertvolle Mauern wurden erhalten und in das Gebäude integriert, der ursprüngliche Boden konnte wiederverwendet werden. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Lernhalle, in der die alten Mauern sichtbar geblieben sind – sie schaffen eine inspirierende Atmosphäre, in der die Schülerinnen und Schüler konzentriert und individuell lernen und arbeiten können.

 

Danke für die gute Zusammenarbeit

Ich danke allen, die den Bau des Westflügels der Kantonsschule Wettingen möglich gemacht haben. Ein grosses Dankeschön gilt meiner Abteilung Immobilien Aargau unter der Leitung von Urs Heimgartner. Immobilien Aargau hat diesen Bau von langer Hand und detailliert geplant.

Bei diesem Dank ist auch die Gemeinde Wettingen zu berücksichtigen, die die verschiedenen kantonalen Projekte auf dem Areal stets stützt. Ebenso danke ich den Kommissionsmitgliedern für ihre kompetente Vorberatung in den jeweiligen Kommissionen und für ihre unterstützende Empfehlung an den Grossen Rat. Mein Dank gebührt auch dem Grossen Rat, der am 11. Januar 2022 mit einer Mehrheit von 121 zu 6 Stimmen dem Bauprojekt zugestimmt und die Finanzierung von 18 Millionen Franken bewilligt hat. Danken möchte ich auch dem Departement Bildung, Kultur und Sport für die stets gute Zusammenarbeit. Ebenso danke ich dem EWZ, das die Flusswasser-Wärmepumpe gebaut hat. Und letztlich gehört mein Dank dem Generalplanungsteam Waeber / Dickenmann / Steinegger / Partner AG Architekten BSA / SIA sowie den beteiligten Bauunternehmen und Handwerkerinnen und Handwerkern für die grossartige planerische Vorarbeit und Ausführung.

Text: Regierungsrat Dr. Markus Dieth, Vorsteher Departement Finanzen und Ressourcen

 


 

Kunst im öffentlichen Raum in der Lernhalle

2027 feiern wir das Jubiläum unseres Campus auf der Halbinsel in Wettingen. Die sagenumwobene Grundsteinlegung vor bald 800 Jahren war ein Versprechen für die Zukunft. Seither war der Ort eine Heimat für rund 30 Generationen, die sich hier für eine längere Zeit zusammengefunden haben. Sie alle konnten das Versprechen einhalten und wir erneuern es heute für die Zeit, die über uns hinausweist.

Das Versprechen hat sich mit der Zeit verändert. Der Fokus und die Praxis der Kontemplation haben sich über die Jahrhunderte verschoben. Konstant geblieben ist das Bekenntnis der Gesellschaft, diesen Raum zu schaffen und zu erhalten, um den Anwesenden zu ermöglichen, gemeinsam mentale Prozesse zu kultivieren.

Das ist ein Anlass für Dankbarkeit gegenüber den unzähligen Gemeinschaften, die je in diesen Ort investiert haben. Heute richtet sich der Dank an die Gremien, Einzelpersonen und Unternehmen, die den Wiederaufbau des Westflügels ermöglicht, unterstützt, finanziert, geplant und ausgeführt haben. Und es ist ein Anlass zur Freude darüber, dass unsere Gesellschaft unerschütterlich an diesem Bekenntnis festhält: Die Kultivierung des Geistes ist es ihr wert, ein markantes Bauwerk zu errichten. Es muss für die Gesellschaft von Nutzen sein, dafür Ressourcen einzusetzen. Aus ökonomischer Sicht ist das Wissen einer von vier Produktionsfaktoren neben Arbeit, Boden und Kapital. Somit ist zu erwarten, dass die investierten Steuergelder einen «Return on Investment» erbringen. Sie tragen dazu bei, dass künftige Generationen weitere Steuergelder generieren werden; insofern wird sich das Schulhaus amortisieren. Damit diese Folge eintreten kann, braucht es eine erfolgreiche Vorbereitung auf die weiterführende Ausbildung. Das Gymnasium strebt deshalb die Studierfähigkeit an, die Fachmittelschule fokussiert dabei bereits auf ein bestimmtes Berufsfeld.

Für die Jugendlichen und ihre Eltern ist es beruhigend zu wissen, dass diese ökonomische Perspektive nicht die einzige Triebfeder unserer Arbeit in der Mittelschule sein kann. In den Rechtsgrundlagen ist auch die vertiefte Gesellschaftsreife als Bildungsziel vorgegeben. Wer eine Mittelschule besucht hat, ist qualifiziert, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Bildung erschliesst nach Wolfgang Klafki die Schülerinnen und Schüler für die Gesellschaft und umgekehrt. Das führt zur Auseinandersetzung darüber, welche Inhalte auszuwählen seien, und welche Methoden geeignet wären, um dieses wechselseitige Ziel zu erreichen.

Die Inhalte werden in den Lehrplänen behandelt, die sowohl in der Fachmittelschule als auch im Gymnasium jüngst einer Revision unterzogen wurden. An der Architektur ablesbar sind sie nicht im Gegensatz zu den Methoden, die in der Schule praktiziert werden. Schule als Institution blickt auf eine lange Tradition zurück und mit ihr scheint das Element der Tafel unzertrennlich verbunden. Manchmal wird verächtlich davon gesprochen, die Schule befinde sich noch in der Kreidezeit. Wir haben dem Impuls widerstanden, im Zeichen der Modernisierung auf dieses Medium zu verzichten und das Feld restlos der Digitalisierung zu überlassen. So prangen die Wandtafeln in allen zwölf Schulräumen des Westflügels und weisen darauf hin, dass hier einem Publikum Inhalte erklärt werden. Auch die Grösse der meisten Räume und ihr Mobiliar lassen auf ein konservatives Verständnis von Schule schliessen. 25 Pulte mit Stühlen und ein grösseres Pult neben der Wandtafel deuten darauf hin, dass die Lehrperson auf die Wandtafel schreibt, was die Schülerinnen und Schüler zu lernen haben. Der Vortrag der Lehrperson kann – darauf weist die Anordnung der Pulte hin – durch ein Lehrgespräch im Plenum ergänzt werden. Der Austausch in der Abteilung ermöglicht es, Fragen und Antworten zu den Lerninhalten interaktiv in der Gemeinschaft zusammenzutragen. Neben der Wandtafel hat es eine Uhr und ein akustisches Signal gibt an, wann die 45 Minuten einer Lektion vorbei sind.

Sir Ken Robinson kritisiert in seinem vielbeachteten Auftritt («Changing Education Paradigms», 2010), dass die Schule immer noch derart stark von der Industrialisierung geprägt sei: Abteilungen von gleichaltrigen Personen entsprechen den Losgrössen, in die standardisierte Verfahren während einer vorgegebenen Dauer Inhalte abfüllen, wie das bei industriellen Produktionsanlagen üblich ist. Dieser beissenden Kritik an der Schule haben wir etwas entgegenzusetzen.

Erstens hängt hinter der Wandtafel ein Bildschirm und ins Pult neben der Wandtafel ist ziemlich viel Technik integriert. Die Moderne hat technologisch schon seit längerer Zeit auf der Klosterhalbinsel Einzug gehalten und auch der Westflügel verfügt über WLAN. Damit ist noch nichts gewonnen, aber die Möglichkeiten der Informationsflüsse werden dadurch deutlich erhöht. Es bleibt offen, welches der im Schulzimmer verfügbaren Geräte seine Inhalte auf den Bildschirm übermittelt; es muss nicht der Laptop der Lehrperson sein. Die grosse Frage aber ist, ob tatsächlich alle Personen, die im Stundenplan derselben Lektion zugeteilt sind, gleichzeitig in diesem Schulzimmer arbeiten und auf denselben Inhalt blicken oder nicht.

Hier kommen wir nicht darum herum, uns mit der Forderung nach Individualisierung zu befassen. Dafür setzte sich beispielsweise Kinderarzt Remo Largo ein. In seinen Publikationen und an Bildungskongressen zeigte er eindrücklich auf, wie in jeder Klasse von gleichaltrigen Jugendlichen eine Normalverteilung der Fertigkeiten zu erwarten sei. Bei jeder Aufgabe gibt es ein Mittelfeld, das die Aufgabe gut lösen kann und einen Teil von eher über- oder unterforderten Schülerinnen und Schülern. Orientieren wir uns im Unterricht am Mittelfeld, so besteht die Gefahr, dass jene am unteren und oberen Ende der Skala nicht mehr mitkommen oder sich langweilen. Deshalb braucht es Individualisierung im Unterricht, so dass jede Person ihre eigenen Herausforderungen in ihrem Tempo angehen kann. Die Anforderungen an die Lehrpersonen multiplizieren sich dann mit der Anzahl Schülerinnen und Schüler. Es scheint einfacher, einen Inhalt einmal für alle gleichzeitig zu erklären, als verschieden fortgeschrittene Programme parallel zu begleiten.

Wie können wir sowohl dem Anspruch nach Effizienz als auch jenem der Individualisierung gerecht werden? Dieses Dilemma hatte die Architektur des Westflügels zu bewältigen – neben einigen weiteren: Viel Licht in den Schulzimmern und ein hoher muraler Anteil der Fassade, beschränkte Kubatur und vorgegebene Anzahl Schulzimmer mit Nebenräumen sowie Offenheit für eine andere Raumaufteilung. Eine der Lösungen liegt im früheren Keller des Hönggerhauses, den wir heute als Lernhalle bezeichnen. In diesem grosszügigen Raum sind die letzten Jahrhunderte in den Mauerresten präsent und die tanzenden Alraunen der Künstlerin Klodin Erb verbreiten einen zauberhaften Schalk. Die Aufenthaltsqualität ist hoch und die Unterteilung in Nischen als Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten wird durch Vorhänge unterstützt. Hier können sich Individuen und Gruppen mit dem auseinandersetzen, was sie interessiert. Wir führen seit 2024 15 % des Unterrichts in den Grundlagenfächern zwar noch im Stundenplan, aber ohne zugeteiltes Schulzimmer. Es ist wertvoll, sich in der Gemeinschaft auszutauschen und es ist ebenso wichtig, sich individuell oder in Kleingruppen im eigenen Tempo mit Inhalten auseinanderzusetzen. Die Strukturen der Schule müssen beides ermöglichen. Die Wände zwischen den Schulzimmern sind nicht tragend und können von späteren Generationen entfernt werden, um Lernlandschaften zu gestalten, falls sich solche oder andere raumgreifende pädagogische Konzepte künftig durchsetzen. Die Architektur nimmt insofern die Zukunft vorweg.

Woher kommt die Zukunft? Sie entspringt unserem Geist und darum bauen wir Räume, in denen er sich entfalten kann.

Text: Paul Zübli, Rektor

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