Welche Rolle spielt die Rolle?
Wir haben Schülerinnen und Schüler der 2. Klasse FMS/Bildnerisches Gestalten gebeten, in wenigen Minuten und ohne lange nachzudenken eine «Rolle» zu zeichnen. Weitere Erklärungen oder Präzisierungen gab es nicht. Wir waren gespannt: Würden sie auf ähnliche Bilder und Vorstellungen zurückgreifen? Oder würden sich einige auch an abstraktere Bedeutungen des Begriffs wagen?
Vielleicht war es der Vormittagsstunde geschuldet, dass erstaunlich viele Rollen im Bereich der Nahrungsmittel angesiedelt waren. Unangefochten an der Spitze: die «Cinnamon Roll».
Daneben entstanden jedoch zahlreiche überraschende Umsetzungen. Ein einziges Wort – und ganz unterschiedliche Vorstellungen. Vielleicht wäre die Vielfalt bei anderen Begriffen ähnlich gross. Denn oft gehen wir selbstverständlich davon aus, vom Gleichen zu sprechen, und entdecken erst bei genauerem Hinsehen, wie verschieden unsere Bilder, Erfahrungen und Assoziationen sind.
Auch darin liegt eine Aufgabe und Chance von Schule: unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, andere Standpunkte kennenzulernen und mitunter selbst eine andere Rolle einzunehmen. Aber sehen Sie selbst, was aus einem einzigen Wort entstehen kann.
Von der gezeichneten zur gespielten Rolle
Was beim Zeichnen auf dem Papier sichtbar wird, geschieht im Theater mit dem ganzen Menschen: Eine Rolle bekommt eine Stimme, einen Körper, eine Haltung. Doch was bedeutet es eigentlich, für eine Weile jemand anderes zu sein? Und wie gelingt der Wechsel vom eigenen Ich zur Bühnenfigur? Dunia, Jael und Charlie, die das Freifach Theater besuchen, erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Rollenspiel.
Interview mit Dunia (G3)
Was bedeutet das Rollenspiel für Sie?
«Für mich ist es ein Weg vorübergehend in ein anderes Leben und eine andere Welt einzutauchen. Man ist für ein paar Stunden jemand ganz anderes und kann etwas porträtieren, dass man sonst vielleicht nie so machen würde. Ausserdem macht mir das Schauspielern einfach sehr viel Spass und ich finde es immer toll, eine Geschichte einem Publikum zu präsentieren.»
Der Weg ins Rampenlicht: Wie erwecken Sie Ihre Rolle zum Leben?
«Ich finde es ist von Rolle zu Rolle ganz anders. Je nach dem wie nahe die Rolle an meinem wirklichen Charakter ist, braucht es mehr oder etwas weniger Zeit. Im Allgemeinen lege ich etwa eine Stunde vor dem Auftritt alle Geräte weg, die mich in den Alltag zurückholen, und versuche, mich in das Mindset meiner Rolle hineinzuversetzen.»
Dunia beschreibt den Rollenwechsel als ein bewusstes Eintauchen in eine andere Welt. Bei Jael beginnt dieser Wechsel dagegen erst unmittelbar vor dem Schritt auf die Bühne. Auch für sie bedeutet Rollenspiel jedoch, den eigenen Alltag für eine Weile hinter sich zu lassen und eine andere Perspektive einzunehmen.
Interview mit Jael (G3)
Was bedeutet das Rollenspiel für Sie?
«Beim Rollenspiel kann ich eine neue Person erschaffen. Ich kann dabei helfen, eine Geschichte zu erzählen – anhand von Gesten, Betonungen und Gesichtsausdrücken. Ich darf mich in eine neue Perspektive versetzen, vom Alltag loslassen und nur noch die Probleme haben, mit welchen mein Charakter gerade kämpft.»
Der Weg ins Rampenlicht: Wie erwecken Sie Ihre Rolle zum Leben?
«Meist fällt es mir schwer, mich wirklich vorzubereiten. Natürlich machen wir alle ein gemeinsames Einwärmen mit Sprech- und Bewegungsübungen, aber eine eigene Routine habe ich nicht. Erst kurz bevor ich die Bühne betrete bin ich in meiner Rolle. Für mich persönlich ist dies einfacher, somit kann ich mein eigenes Leben draussen lassen und mich vollkommen auf meine Figur konzentrieren.»
Bei Charlie führt die Beschäftigung mit der Theaterrolle noch einen Schritt weiter. Denn die Erfahrung, in andere Figuren zu schlüpfen, wirft auch die Frage auf, welche Rollen wir ausserhalb der Bühne einnehmen. Theater wird damit zu einem Raum, in dem nicht nur Figuren, sondern auch Haltungen und Perspektiven ausprobiert werden können. Doch lesen Sie selbst, was Charlie schreibt.
Maske auf, Alltag aus
Wenn ich in eine Inszenierung eintauche, versuche ich, mich wie die Zielperson zu fühlen, wie sie zu denken, mich wie sie zu bewegen und wie sie zu sprechen. Ein Zustand oder Gefühle einer Figur können über viele verschiedene Ebenen auf das Publikum übertragen werden: durch Mimik, Gestik und natürlich über Sprache. Es gibt aber auch die Möglichkeit, musikalisch, zum Beispiel mit dem Cello, oder auch bildlich eine bestimmte Atmosphäre oder Stimmung zu erzeugen. Genau diese Vielfältigkeit liebe ich im Theater. So kommen viele meiner Leidenschaften zusammen. Im Theater habe ich die Möglichkeit, viele unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Auf der Bühne kann ich mich ausdrücken und Botschaften vermitteln. Ich kann das Publikum zum Denken anregen.
Ich denke aber, dass Rollen nicht «nur» im Theater und auf der Bühne eine wichtige Bedeutung haben. Auch im gesellschaftlichen Leben nehmen wir alle bestimmte Rollen ein. Je nach Situation, Umfeld oder entsprechendem formalen Rahmen schlüpfen wir in unterschiedliche Rollen, um uns anzupassen. Das ist ein weiterer Grund, warum mir das Theater viel bedeutet. Dort kann ich einfach einmal in eine Rolle schlüpfen, ohne darüber nachzudenken, ob diese der Situation angemessen ist. Ich kann gewisse Ausdrucksformen, Haltungen oder Meinungen «ausprobieren», die ich in anderen Zusammenhängen niemals verwenden oder vertreten würde. Nach einer solchen Erfahrung bin ich mir oft viel klarer bewusst, ob eine bestimmte Haltung für mich überhaupt einmal infrage käme oder ob ich sie bewusst meiden und ablehnen würde. Genau dieses Ausprobieren verleiht dem Theater eine gewisse Freiheit und macht das Theater für mich besonders interessant.
Der Weg ins Rampenlicht
Das gedankliche und empathische Hineinversetzen in die gespielte Zielperson ist, denke ich, das A und O einer Inszenierung. Ein paar Mal habe ich mich während der intensiven Theaterwoche sogar dabei ertappt, wie ich darüber nachgedacht habe, wie eine Figur, die ich spielte, wohl in einer entsprechenden Situation handeln würde, was sie fühlen würde, wie sie sich ausdrücken würde und wie sie auf andere Personen wirken möchte.
Manchmal nehme ich mir zum Üben auch einen Satz einer Figur vor und betone jeweils immer ein Wort davon besonders. Dadurch verändert sich die Wirkung des Gesagten immer wieder aufs Neue und man kann sich die Figur immer lebendiger vorstellen. Diese Methode, eine Figur über ihre Sprache zum Leben zu erwecken, gefällt mir besonders.
Schlussendlich, wenn ich dann auf der Bühne stehe, denke ich aber gar nicht mehr so viel. Ich fühle einfach die Musik oder das Gesprochene, die Atmosphäre und lasse die Reaktion des Publikums auf mich wirken.

